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Obsoleszenz

Bauteilabkündigung: Bevorratung oder Neuentwicklung? Ein Entscheidungsbaum für die ersten 90 Tage

Wird ein Bauteil abgekündigt, haben Sie drei Optionen: eine Überbrückungsbevorratung, einen Drop-in-Ersatz oder eine Zweitquelle oder eine Neuentwicklung. Der Entscheidungsbaum für die ersten 90 Tage zeigt, wie Sie die tatsächlichen Kosten vergleichen, einschließlich Lagerhaltung und erneuter Qualifizierung.

· 16 Min. Lesezeit

Stand: Oktober 2026. Normen und Kostenangaben sind an der jeweiligen Stelle datiert. Prüfen Sie die Quelle, bevor Sie sich auf eine Zahl verlassen.

Bauteilabkündigung: Bevorratung oder Neuentwicklung? Das 90-Tage-Entscheidungsfenster innerhalb der von JESD48C (2011) gesetzten Mindestlaufzeit. Sie beträgt 6 Monate bis zur letzten Bestellung und 12 Monate bis zur letzten Lieferung (Grafik auf Englisch).

Das Wichtigste in Kürze

Eine Abkündigungsmitteilung ist eine Entscheidung mit tickender Uhr. Ein Notfall ist sie nicht, denn die Mitteilung selbst setzt die Restlaufzeit. Wenn ein von Ihnen verbautes Bauteil das Ende seiner Lieferbarkeit erreicht (End-of-Life, EOL), stehen Ihnen drei ernsthafte Optionen offen. Sie können eine Überbrückungsbevorratung bestellen (ein Last-Time-Buy, bemessen bis zum eigenen Produktende). Sie können einen Drop-in-Ersatz oder eine Zweitquelle qualifizieren. Oder Sie entwickeln das Produkt ohne das Bauteil neu. Alle drei beantworten dieselbe Grundfrage: Was kostet weniger, Bestand zu halten oder sich technisch aus der Abhängigkeit zu lösen? Der teure Fehler ist die Entscheidung aus dem Reflex, bevor Sie die Alternativen durchgerechnet haben. Der panische Kauf großer Bestände ist eine Form dieses Reflexes, das Anstoßen einer Neuentwicklung die andere.

Welcher Weg der richtige ist, hängt von fünf Größen ab. Zwei betreffen das Produkt: wie lange Sie es noch fertigen und Ihre Jahresstückzahl. Die dritte ist die tatsächliche Dauer des Bestellfensters; die vierte ist die Frage, ob ein Wechsel eine Requalifizierung oder erneute Konformitätsprüfung erzwingt. Die fünfte ist, was es kostet (und riskiert), Überbrückungsbestände zu halten. Wir raten Ihnen, die Entscheidung innerhalb der ersten 90 Tage des Bestellfensters anhand des folgenden Entscheidungsbaums zu treffen; so legen Sie sich fest, solange das Fenster noch offen ist. Für die meisten Produkte ist die Antwort eine Kombination: eine überschaubare Überbrückungsbevorratung vorneweg, und dahinter qualifizieren Sie einen Drop-in-Ersatz, eine Zweitquelle oder eine Neuentwicklung.

Zuerst: die Uhr in Gang setzen

Bevor Sie irgendetwas entscheiden, prüfen Sie die Mitteilung anhand von drei Angaben: Termine, Umfang und Verwendungsnachweis. Die Abkündigungsmitteilung (Product Discontinuance Notice, PDN) liefert die ersten beiden. Mitunter wird sie als Product Change Notification (PCN) verschickt. Die dritte Angabe stellen Sie selbst zusammen:

  • Termine: Die Mitteilung nennt den Letztbestelltermin und den Letztliefertermin. Diese beiden Termine legen Ihre Restlaufzeit fest: Alles Weitere bemisst sich nach ihnen, und der 90-Tage-Entscheidungsbaum richtet sich nach dem Letztbestelltermin.

  • Umfang: Die Mitteilung nennt die genauen betroffenen Herstellerteilenummern, einschließlich etwaiger Datums- oder Chargencode-Angaben. Vergewissern Sie sich, dass genau Ihre bestellbare Variante auf der Liste steht. Prüfen Sie dabei auch Gehäuse, Temperaturklasse und Tape-and-Reel-Suffixe.

  • Verwendungsnachweis: Sie stellen die Liste aller Produkte und Stücklisten (BOM) zusammen, die das Bauteil enthalten. Ein einzelnes EOL-Bauteil kann in mehreren Produkten vorkommen, sodass Sie für alle zugleich entscheiden.

Wie viel Restlaufzeit lässt eine Mitteilung Ihnen üblicherweise? Die JEDEC-Abkündigungsnorm JESD48C vom Dezember 2011 (hier gelesen in einer herstellerseitig gehosteten Kopie des JEDEC-Originals) setzt die Untergrenze in Abschnitt 3.1. Danach hat der Lieferant mindestens 6 Monate ab der Mitteilung für die letzten Bestellungen und 12 Monate ab der Mitteilung für die letzten Lieferungen einzuräumen. Die Zahlen stammen aus JESD48C selbst. Die Norm wurde seither zweimal abgelöst: im November 2014 durch J-STD-048 und im Dezember 2025 durch J-STD-048A. Die geltende Fassung ist nur nach Registrierung bei JEDEC zugänglich; prüfen Sie deren Wortlaut, bevor Sie sich darauf stützen. Ein veröffentlichtes Beispiel ist der Zeitplan von Texas Instruments: TI gibt an, er gewähre 12 Monate für die letzte Bestellung und weitere sechs Monate für die Auslieferung abgekündigter Produkte. Nach eigener Darstellung bietet dieser Zeitplan eine längere Vorlaufzeit als der Branchenstandard. Die Norm setzt ein Minimum, und ein Hersteller kann mehr zusagen, wie es der oben genannte Zeitplan von TI tut. In der Regel bleiben Ihnen daher zwischen sechs und gut zwölf Monaten. Das von uns empfohlene 90-Tage-Entscheidungsfenster ist der erste Sprint innerhalb dieser Restlaufzeit; es ist eine Disziplin, die Sie davor bewahrt, das gesamte Fenster mit Abwägen zu verbringen. Keine Norm setzt es als Frist.

Die fünf Größen, die entscheiden

Am Ende geht es darum, die Kosten der Bevorratung gegen die Kosten der technischen Ablösung abzuwägen. Diese fünf Größen sagen Ihnen, in welche Richtung die Waage ausschlägt. Die Tabelle zeigt für jede Größe, welche Ausprägung für Bevorratung spricht und welche für die technische Ablösung:

Größe Spricht für BEVORRATUNG (Überbrückungsbestand) Spricht für NEUENTWICKLUNG / Zweitquelle
Restfertigungsdauer Kurz: das Produkt läuft bald aus; eine zeitlich begrenzte Bevorratung kann es abdecken Lang: Sie würden über Jahre oder dauerhaft Bestand einkaufen
Jahresstückzahl Niedrig: eine vollständige Überbrückungsbevorratung ist bezahlbar und lagerbar Hoch: Überbrückungsbestand bindet zu viel Kapital und Platz
Bestellfenster Lang: Zeit genug, um eine durchdachte Bevorratung zu bemessen und zu bestellen Kurz: zu wenig Zeit, um eine Bevorratung für die gesamte Restfertigung belastbar zu bemessen; eine Überbrückung deckt Sie ab, während Sie entwickeln
Requalifizierungs- / Rezertifizierungsrisiko Hoch: ein Wechsel würde teure Nachprüfungen auslösen Niedrig: ein gleichwertiges Bauteil braucht kaum Requalifizierung
Lagerhaltungskosten + Lagerungsrisiko Niedrig: günstiges Bauteil, weder feuchte- noch alterungsempfindlich; einfach zu lagern Hoch: teures, feuchte- oder alterungsempfindliches Bauteil

Keine einzelne Größe entscheidet für sich. Ein günstiges Bauteil mit niedriger Stückzahl in einem Produkt mit zwei Jahren Restfertigungsdauer ist ein einfacher Fall für die Überbrückungsbevorratung. Ein Bauteil mit hoher Stückzahl in einer Plattform, die Sie ein Jahrzehnt lang fertigen, rechtfertigt dagegen in der Regel den Entwicklungsaufwand. Der Entscheidungsbaum ist für die Fälle dazwischen gedacht, in denen die Größen in verschiedene Richtungen weisen.

Der Entscheidungsbaum für die ersten 90 Tage

Arbeiten Sie ihn in vier zeitlich begrenzten Schritten ab; die festen Zeiträume sollen eine Entscheidung erzwingen, solange das Bestellfenster noch offen ist. Verzweigt wird im zweiten Schritt (Tag 15–45), entschieden im vierten (Tag 75–90). Ist ein qualifizierter Drop-in-Ersatz oder eine Zweitquelle vorhanden, ist das der erste zu prüfende Zweig. Die fünf Größen oben bemessen dann den Überbrückungsbestand, den Sie bis zum Abschluss der Qualifizierung brauchen. Fehlt beides, entscheiden dieselben fünf Größen zwischen einer zeitlich begrenzten Überbrückungsbevorratung und einer Neuentwicklung. Für die meisten Produkte ist die tragfähige Antwort die eingangs genannte Kombination: Die Überbrückungsbevorratung kommt vorneweg, und dahinter wird der Drop-in-Ersatz, die Zweitquelle oder die Neuentwicklung qualifiziert.

Tag 0–15, prüfen und Umfang bestimmen: Legen Sie die Termine, die Bauteilnummern und den Verwendungsnachweis aus dem Abschnitt oben fest. Als Ergebnis wissen Sie exakt, wie viele Wochen das Bestellfenster noch offen ist und für welche Produkte.

Tag 15–45, die Wege finden:

  • Gibt es einen qualifizierten Drop-in-Ersatz oder eine Zweitquelle? Prüfen Sie zuerst die Cross-Reference-Tools des Herstellers und etwaige pinkompatible Alternativen. Ein qualifizierter Drop-in-Ersatz oder eine Zweitquelle ist, sofern vorhanden, die günstigste dauerhafte Lösung. Einen Kandidaten zu prüfen ist eine eigene Aufgabe, die die begleitende Anleitung zum Drop-in-Ersatz behandelt.

  • Wie groß müsste eine Überbrückungsbevorratung grob ausfallen? Bemessen Sie sie zweimal. Die erste Menge deckt die Restfertigung plus Servicereserve ab. Die zweite Menge ist eine kleinere Überbrückung, die nur bis zur Qualifizierung eines Drop-in-Ersatzes oder einer Neuentwicklung reichen muss.

  • Fragen Sie den Lieferanten, über welche weiteren Optionen er verhandeln wird. JESD48C hält in Abschnitt 3.4.1 fest, dass der Lieferant auf Kundenwunsch über weitere gangbare Optionen verhandeln wird. Als Beispiele nennt die Norm den Verkauf oder die Übertragung von Technologie und Fertigungsmitteln sowie den Aufbau von Wafer- oder Die-Banken zur Deckung des laufenden Bedarfs. Diese Option kann zusammen mit autorisierter Nachfertigung ein abgekündigtes Bauteil wieder zu einem lieferbaren machen.

Tag 45–75, beide Wege ehrlich durchrechnen: Hinterlegen Sie beide Wege mit echten Zahlen. Bei der Bevorratung sind das Menge, Lagerhaltungskosten, Lagerungs- und Obsoleszenzrisiko; bei der Neuentwicklung sind es der Entwicklungsaufwand plus etwaige Requalifizierung und erneute Konformitätsprüfung. Keiner der beiden Wege ist umsonst. Die beiden folgenden Abschnitte zeigen, wo die versteckten Kosten entstehen.

Tag 75–90, entscheiden und handeln: Legen Sie sich fest. Wenn Sie eine Überbrückungsbevorratung brauchen, bestellen Sie sie jetzt, denn das Fenster schließt sich. In der Praxis heißt die tragfähige Antwort oft beides. Bestellen Sie eine maßvolle Überbrückungsbevorratung, um die Fertigung am Laufen zu halten, und beginnen Sie dahinter die Drop-in-Qualifizierung oder Neuentwicklung. So stehen Sie im nächsten Quartal nicht wieder vor derselben Frage. Der Bestand kauft die Zeit, und die Qualifizierung oder Neuentwicklung nutzt diese Zeit, um die Abhängigkeit sauber aufzulösen.

Die drei Ergebnisse: (1) Überbrückungsbevorratung: zeitlich begrenzt, bemessen auf das eigene Produktende. (2) Qualifizierter Drop-in-Ersatz / Zweitquelle: die günstigste dauerhafte Lösung, sofern es eine gibt. (3) Neuentwicklung: das letzte Mittel, meist parallel hinter einer Überbrückungsbevorratung geführt.

Der Entscheidungsbaum für die ersten 90 Tage. Er hat vier zeitlich begrenzte Schritte: prüfen und Umfang bestimmen; Wege finden; beide Wege durchrechnen; entscheiden und handeln. Er endet in drei Ergebnissen: Überbrückungsbevorratung; Drop-in-Ersatz oder Zweitquelle; Neuentwicklung (Grafik auf Englisch).

Was der Weg der Bevorratung kostet

Ein Last-Time-Buy wirkt wie die sichere Wahl. Doch sowohl die Bemessung als auch die Lagerung kosten mehr, als der Einkaufspreis vermuten lässt, und beides fällt beim Vergleich leicht unter den Tisch.

Sie können ihn nicht präzise bemessen: Es gibt keine Formel, die das Schätzen ersetzt. Sie schätzen den Restbedarf und ziehen den Lagerbestand ab; der Restbedarf ist der Jahresverbrauch multipliziert mit den Jahren, die Sie noch liefern, plus eine Service- und Gewährleistungsreserve. Das Ergebnis beruht auf Prognosen zu künftiger Stückzahl und Feldzuverlässigkeit, und beide Prognosen sind unsicher. Der Obsoleszenzleitfaden SD-22 des US-Verteidigungsministeriums sagt es unverblümt (Ausgabe Januar 2016, S. 105, Fußnote 82; hier in einer von der NASA gehosteten Kopie gelesen). Weil Zuverlässigkeit und das Ende der Systemlebensdauer selbst Schätzwerte seien, sei es nahezu unmöglich, die zu beschaffende Stückzahl genau zu bestimmen. SD-22 wurde zuletzt im Januar 2026 überarbeitet. Sie werden zu viel oder zu wenig einkaufen, und die Frage ist, welchen Fehler Sie sich leisten können. Der Überschuss eines zu großen Einkaufs endet als Abschreibung. Ein zu knapper Einkauf endet in einer Unterdeckung.

Ein Rechenbeispiel zur Veranschaulichung (Zahlen frei gewählt, nur um das Vorgehen zu zeigen): Nehmen Sie ein Bauteil mit einem Verbrauch von 8.000 Stück pro Jahr und 4 Jahren Restfertigung. Angenommen werden eine Servicereserve von 5.000 Stück und 3.000 Stück auf Lager. Die Überbrückungsbevorratung beträgt dann 8.000 × 4 + 5.000 − 3.000 = 34.000 Stück. Bei 0,80 € je Stück sind das rund 27.000 € an Bestand, bevor Sie für die Lagerung überhaupt etwas gezahlt haben.

Bemessung der Überbrückungsbevorratung. Rechenbeispiel: 8.000 Stück pro Jahr mal 4 Jahre plus 5.000 Stück Servicereserve minus 3.000 Stück auf Lager ergibt 34.000 Stück. Das sind rund 27.000 € bei 0,80 € je Stück. Hinzu kommen Lagerhaltungskosten von 15–25 % des Werts pro Jahr als Faustregel. Eine aufgeschlüsselte Aufstellung derselben Kosten kommt in der Summe auf 25–55 % des Werts pro Jahr. Davon entfallen 6–12 % auf das Obsoleszenzrisiko (Grafik auf Englisch).

Die Lagerung ist nicht umsonst: Die geläufige Faustregel von 15–25 % setzt die Lagerhaltungskosten bei etwa 15–25 % des Bestandswerts pro Jahr an. Blair Williams (CFPIM, CSCP, CLTD) nennt sie in einem Beitrag vom Mai 2018 auf der Website einer Regionalgruppe der Association for Supply Chain Management (ASCM). Dieselbe Seite zitiert Logistikexperten, die sie je nach Produktart und Geschäft zwischen 18 % und 75 % ansetzen. Die aufgeschlüsselte Aufstellung auf dieser Seite kommt in der Summe auf 25–55 %, darunter 6–12 % Kapitalkosten und weitere 6–12 % Obsoleszenz. Halten Sie diese 27.000-€-Bevorratung über Jahre, können allein die Lagerhaltungskosten in den fünfstelligen Bereich gehen. Haben Sie zu viel eingekauft, ist der Überschuss zudem eine Abschreibung.

Auch physisch muss der Bestand die Lagerung überstehen. SD-22 hält zwei einschlägige Mechanismen fest, jeden allerdings in einem anderen Zusammenhang. Der erste ist Feuchtigkeit: Viele kunststoffumhüllte Bauteile nehmen mit der Zeit Feuchtigkeit auf. Wirkt übermäßige Hitze vor dem Ausbacken der Feuchtigkeit ein, beschädigt das sich ausdehnende Gas die Bauteile beim Entweichen leicht. SD-22 schreibt das über ausgebaute Gebrauchtbauteile und Fälschungen (Anhang F.1.2). Der zweite Mechanismus betrifft bleifreie Oberflächen: Sie neigen zur Bildung von Zinn-Whiskern (in SD-22 im Abschnitt zur Umstellung weg vom Blei behandelt). Beides gilt auch für Bauteile in der Langzeitlagerung. Günstige Bauteile ohne diese Empfindlichkeiten lassen sich jahrelang lagern, wohingegen Fine-Pitch-Bauteile oder feuchteempfindliche Bauteile ein Risiko sind. Deshalb spricht die letzte Zeile der Tabelle bei einem teuren, feuchte- oder alterungsempfindlichen Bauteil für die technische Ablösung.

Die- und Wafer-Banken sowie autorisierte Nachfertigung können beide ein abgekündigtes Bauteil lieferbar halten, ohne dass Sie auf dem freien Markt kaufen müssen. Bei Die- und Wafer-Banken werden Wafer oder ungehäuste Chips (Dies) für die spätere Gehäusemontage eingelagert, was die Versorgung weit über den letzten Fertigwarenkauf hinaus verlängert. Langlebige Programme in Luft- und Raumfahrt, Verteidigung und Medizinelektronik gehen diesen Weg. Autorisierte Nachfertiger halten obsolete Bauteile unter Lizenz in Produktion. Rochester Electronics etwa gibt an, zur Herstellung von Bauteilen lizenziert zu sein, die der Originalhersteller nicht mehr fertigt. Verwendet werden dabei nach eigener Darstellung Informationen, die direkt vom Originalhersteller übertragen wurden. Beides verschafft Ihnen Originalbauteile ohne das Fälschungsrisiko des freien Marktes und gehört zudem in das Lieferantengespräch des zweiten Schritts (Tag 15–45). Die oben genannten JESD48C-Optionen gehören ebenfalls dorthin; über sie wird ein abkündigender Lieferant der Norm zufolge auf Kundenwunsch verhandeln.

Was der Weg der Neuentwicklung kostet

Die Neuentwicklung ist eine wirkungsvolle und zugleich teure Option: Bei ihr ändert sich die Leiterplatte selbst, sodass das Produkt nicht mehr von dem abgekündigten Bauteil abhängt. Wie viel teurer sie wird, hängt davon ab, wie weit die Lösung reichen muss. Eine Erhebung des US-Handelsministeriums von 2014 erschien als Tabelle 12 der SD-22-Ausgabe vom Januar 2016. Sie bezifferte die durchschnittlichen Lösungskosten für den günstigsten Weg, ein bereits freigegebenes Bauteil, auf 1.047 US-Dollar. Für eine aufwendige Neuentwicklung oder den Ersatz des Gesamtsystems stiegen sie auf 10.473.148 US-Dollar. Das ist eine Spanne von rund dem Zehntausendfachen. Nehmen Sie diese Werte nur als Größenordnung: Zu den Durchschnittswerten seiner früheren Ausgaben merkt der Leitfaden selbst an, dass sie nicht alle einschlägigen Kostenbestandteile berücksichtigten. Darauf gestützte Budgets hätten die Umsetzung in der Regel unterfinanziert. Nach unserer Einschätzung gilt dieselbe Vorsicht für diese Tabelle, auch wenn der Leitfaden das nicht sagt. SD-22 wurde seither mehrfach überarbeitet, zuletzt im Januar 2026; prüfen Sie die Zahlen daher an der aktuellen Ausgabe, bevor Sie sich darauf stützen. Je weiter Sie die Lösungsleiter hinaufsteigen, von „dasselbe Bauteil kaufen“ bis „die Leiterplatte neu entwickeln“, desto teurer wird es.

Die Kostenleiter der Lösungswege. Die Durchschnittskosten steigen von 1.047 US-Dollar für ein bereits freigegebenes Bauteil auf über 10 Millionen US-Dollar für die aufwendige Neuentwicklung eines Gesamtsystems. Das ist eine Spanne von rund dem Zehntausendfachen. Die Zwischenstufen sind nur illustrativ (Grafik auf Englisch).

Die Entwicklungsstunden lassen sich leichter abschätzen als der Prüf- und Zertifizierungsaufwand; Requalifizierung und Rezertifizierung können der größere Kostenblock einer Neuentwicklung sein, denn eine Konstruktionsänderung kann formale Prüfprogramme neu anstoßen.

In der Fahrzeugelektronik verlangt die Norm AEC-Q100 des Automotive Electronics Council (Rev-J1, 24. März 2026) die Requalifizierung eines integrierten Schaltkreises für Automotive-Anwendungen. Auslöser ist jede Produkt- oder Prozessänderung seines Lieferanten, die sich auf Form, Passung, Funktion, Qualität und/oder Zuverlässigkeit des Bauteils auswirkt oder auswirken könnte (Abschnitt 3.2). Die dort beschriebene Requalifizierung ist ein Stresstest-Programm aus den Prüftabellen der Norm; fehlen generische Daten, stammen die Stichproben aus nicht aufeinanderfolgenden Wafer- und Montagelosen (Abschnitt 2.5.1). Bauteile derselben Produktqualifizierungsfamilie gelten als durch Zugehörigkeit qualifiziert, sobald ein Familienmitglied die Qualifizierung bestanden hat; ausgenommen sind die bauteilspezifischen Anforderungen nach Abschnitt 4.2 der Norm (Anhang 1). AEC-Q100 regelt die Qualifizierung des Chipherstellers für sein eigenes Bauteil; Ihre Freigabe eines Bauteils für Ihre Anwendung nimmt die Norm aus ihrem Geltungsbereich aus (Abschnitte 1.3.3 und 3.4). Ein Drop-in-Ersatz aus der Qualifizierungsfamilie des ursprünglichen Lieferanten ist durch Zugehörigkeit qualifiziert, abgesehen von diesen bauteilspezifischen Anforderungen. Ein Bauteil eines zweiten Herstellers stützt sich dagegen auf dessen eigene AEC-Q100-Daten, die nicht auf die Familie des ursprünglichen Lieferanten zurückgreifen können. Ihre eigene Validierung auf Modulebene richtet sich in beiden Fällen nach den Anforderungen Ihres Kunden; AEC-Q100 legt sie nicht fest.

Zur elektromagnetischen Verträglichkeit (EMV) äußert sich der Leitfaden zur EMV-Richtlinie der Europäischen Kommission. Ihm zufolge wird ein Gerät nach wesentlichen Änderungen mit möglicherweise erheblicher Auswirkung auf die Erfüllung der EMV-Richtlinie zu einem neuen Produkt, das in Verkehr gebracht wird. Die ursprüngliche EU-Baumusterprüfbescheinigung ist dann nicht mehr gültig (Ausgabe April 2025, S. 48–49). Der Leitfaden ist unverbindlich; nach Angabe der Kommission hat er keine Rechtswirkung („no weight in law“). Die Kommission stellt diese Ausgabe seit Oktober 2026 anstelle der Ausgabe vom Dezember 2018 bereit, bislang nur auf Englisch. Zitiert wird nach Seiten, weil Inhaltsverzeichnis und Text die Nummer 7.2 unterschiedlichen Abschnitten zuordnen. Der Leitfaden legt keine feste Schwelle für „wesentlich“ fest; ob eine Änderung wesentlich ist, bleibt also eine Ermessensfrage. Die Passage betrifft zudem Geräte, die die EU-Baumusterprüfung bei einer notifizierten Stelle durchlaufen haben; zu vom Hersteller selbst bewerteten Geräten äußert sie sich nicht. Dennoch kann eine erhebliche Hardwareänderung Sie zurück in die Konformitätsbewertung führen. In den USA entspricht dem die Regel der Federal Communications Commission (FCC) für Geräte, die der Supplier's Declaration of Conformity unterliegen. Für diese Geräte gilt: Die verantwortliche Stelle muss das Gerät erneut bewerten, wenn irgendeine Modifikation oder Änderung seine Störaussendungseigenschaften nachteilig beeinflusst (47 CFR § 2.931(e), Stand Oktober 2026). Für Geräte im strengeren Certification-Verfahren gelten stattdessen die Regeln für zulässige Änderungen (permissive changes) nach 47 CFR § 2.1043.

In der funktionalen Sicherheit kann ein EOL-Wechsel bei sicherheitsgerichteter Elektronik eine dokumentierte Auswirkungsanalyse auslösen. Die Norm IEC 61508 (derzeit Ausgabe 2.0 von 2010) sieht dafür eine eigene Änderungsphase vor (Teil 1, Abschnitt 7.16; Teile 2 und 3, Abschnitt 7.8). Die Zertifizierungsstelle für funktionale Sicherheit exida (2013) gibt den Wortlaut von Teil 3, Abschnitt 7.1.2.9 wieder. Danach greift der Abschnitt bei einer Änderung, die eine frühere Phase betrifft und in irgendeiner Phase des Software-Sicherheitslebenszyklus nötig wird. Sinngemäß muss dann eine Auswirkungsanalyse bestimmen, welche Softwaremodule betroffen sind und welche früheren Aktivitäten des Sicherheitslebenszyklus zu wiederholen sind. IEC 61508 ist nicht kostenlos erhältlich; prüfen Sie den Wortlaut an Ihrem eigenen Exemplar.

Wir beraten zu Beschaffung und Lieferketten und ersetzen Ihren Compliance-Verantwortlichen nicht. Die Fälle oben zeigen, dass eine Neuentwicklung eine erneute Prüfung erzwingen kann. Daraus folgt nicht, dass jeder Wechsel das tut. Sie brauchen aber Ihren Compliance-Verantwortlichen, um den Umfang dieses Risikos abzustecken, und zwar vor dem Vergleich der Wege. Übersehen Sie das, enthält die „günstige“ Neuentwicklung am Ende eine von niemandem eingeplante Zertifizierungsrechnung.

Häufige Fragen

Bedeutet „Not Recommended for New Designs“ (NRND), dass ich jetzt neu entwickeln muss?

Nein, das bedeutet es nicht. NRND bedeutet, dass der Hersteller das Bauteil nicht mehr für neue Designs empfiehlt und es später abkündigen könnte. Bestehende Designs können es aber weiterhin bestellen. Jede vom Hersteller veröffentlichte Langzeitverfügbarkeitszusage gilt fort. Es ist ein Signal, mit der Planung zu beginnen. Eine Abkündigung ist ein anderes Ereignis, und die Entscheidung Bevorratung oder Neuentwicklung steht erst bei der eigentlichen EOL-Mitteilung an.

Wie viel Zeit habe ich wirklich?

Lesen Sie in der Mitteilung den Letztbestell- und den Letztliefertermin. Die veröffentlichte Untergrenze beträgt mindestens 6 Monate ab Mitteilung für die letzten Bestellungen und 12 Monate für die letzten Lieferungen. Sie stammt aus JESD48C (2011), das seither abgelöst wurde; prüfen Sie daher die geltende Fassung. Ein Hersteller kann mehr einräumen, wie es der veröffentlichte Zeitplan von TI tut. Der 90-Tage-Entscheidungsbaum in diesem Artikel ist unser empfohlener Entscheidungstakt innerhalb dieses Fensters, und niemand setzt ihn Ihnen als Frist.

Wie groß sollte die Überbrückungsbevorratung sein?

Die Formel lautet: restlicher Jahresbedarf mal restliche Fertigungsjahre, plus eine Servicereserve, minus Lagerbestand. Nehmen Sie hin, dass das Ergebnis eine Schätzung ist: SD-22 nennt die genaue Bemessung nahezu unmöglich. Wägen Sie dann die Kosten eines zu großen Einkaufs gegen die Kosten einer Unterdeckung ab. Die Kosten eines zu großen Einkaufs sind Lagerhaltungskosten von rund 15–25 % des Werts pro Jahr, plus Abschreibungsrisiko.

Vermeidet ein Drop-in-Ersatz die erneute Prüfung?

Häufig verringert er den Umfang der erneuten Prüfung. Auf Bauteilebene kann ein Bauteil aus der AEC-Q100-Qualifizierungsfamilie des ursprünglichen Lieferanten durch Zugehörigkeit als qualifiziert gelten. Die bauteilspezifischen Anforderungen, die die Norm von dieser Erleichterung ausnimmt, gelten dabei weiter. Auf Leiterplattenebene begrenzt eine echte Übereinstimmung in Form, Passung und Funktion, wie viel Ihrer eigenen Validierung Sie wiederholen müssen. Bei einer Neuentwicklung mit neuem Footprint und neuem Layout müssen Sie dagegen mehr davon wiederholen. AEC-Q100 regelt nur die erste dieser beiden Ebenen.

Bevorraten und neu entwickeln: Ist das normal?

Ja, und meist ist es die kluge Antwort. Eine maßvolle Überbrückungsbevorratung hält die Fertigung am Laufen, während dahinter ein Drop-in-Ersatz, eine Zweitquelle oder eine Neuentwicklung qualifiziert wird. Sie geben ein wenig für Bestand aus, um sich die Zeit zu kaufen, die Abhängigkeit sauber aufzulösen.

Fazit

Bevorratung oder Neuentwicklung ist eine Entscheidung über eine einzelne Abhängigkeit. Sie fühlt sich wie ein Feuerwehreinsatz an, weil die Abhängigkeit bis zur Mitteilung unsichtbar war. Meist hatte das Bauteil unbemerkt nur eine einzige Quelle, und niemand hatte seine Alternativen durchgerechnet. Wenn Sie solche Abhängigkeiten lieber vor der nächsten Mitteilung finden möchten, unterstützen wir Hardwareunternehmen bei solchen Fragen der Produktarchitektur und rund um Bauteile. Das gilt besonders dort, wo China-Beschaffung im Spiel ist; dabei betrachten wir Hardware, Firmware und Beschaffung zusammen.

Meritong ist eine Beratung für China-Beschaffung und Lieferkettenstrategie. Wir sind weder Rechtsanwälte noch zugelassene Zollvertreter. Dieser Artikel gibt allgemeine Orientierung und stellt keine Rechts-, Konformitäts- oder Zertifizierungsberatung dar. Fragen der Qualifizierung, Zertifizierung und Konformitätsbewertung sind Sache Ihres Compliance-Verantwortlichen oder einer anderen qualifizierten Fachperson. Lassen Sie Ihr konkretes Produkt von einer dieser beiden Personen beurteilen, bevor Sie hier etwas umsetzen.

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